SO GEHT AMBULANT
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Regionalspital ambulant: Was wirklich funktioniert (Schweiz-Folge) (#017)

4. Juni 2026 · 1 Std. 13 Min.

Ambulantisierung von Spitalleistungen ist keine einfache Verlagerung von Fällen, sondern erfordert ein grundlegend anderes Betriebsmodell, dessen Erfolg davon abhängt, dass die Finanzierung stimmt und Kultur sowie Kooperation gelebt werden.

Die Folge zeigt aus der Perspektive eines Schweizer Regionalspitals, wie Ambulantisierung in der Praxis funktionieren muss. Dr. Andreas Gattiker erläutert, dass die medizinische Entwicklung zu weniger invasiven Verfahren führt und damit der Druck zum Ambulanten automatisch wächst. Entscheidend sind aber kulturelle Faktoren, Kooperationen mit anderen Leistungserbringern und ehrliche Tarifierung. Ohne diese Grundlagen und ohne Mut der Politik zu weniger Regulierung bleiben Reformvorhaben wie „Ambulant vor Stationär" (AvS) oder die künftige EFAS-Finanzierung Theorie.

Themen & Erkenntnisse

Grundlage und Karriereweg: Wie ein Chirurg zum Spitalleiter wird · ab 02:30: Gattiker beschreibt seinen Weg vom Assistenzarzt über PwC-Beratung zum Spitalleiter. Seine Haltung: Breites systemisches Denken, nicht Spezialisierung, geprägt durch unterstützende Mentoren und verschiedene Rollen in unterschiedlichen Spitälern.
Kultur statt Struktur: Das Prinzip der Vertrauensführung und Dezentralisierung · ab 07:00: Gattiker setzt Vertrauensvorschuss und Kompetenzverantwortung an der Front ein statt zentraler Kontrolle. Kultur hält das Spital zusammen, nicht Strukturen. Ein denkwürdiges Beispiel: Ein Empfangsteam macht eigenständig einen Werbefilm für Spitalwerte.
Medizin wird weniger invasiv: Der Treiber der Ambulantisierung · ab 16:17: Der technologische Fortschritt führt fast automatisch zur Ambulantisierung – Operationen werden weniger invasiv, Aufenthalte kürzer. Augenlinsen-OPs brauchten früher 5 Tage, heute 2 Stunden. Dieser Prozess wird weitergehen.
Ambulant operieren ist defizitär: Finanzierung und Quersubventionierung sind das zentrale Problem · ab 27:30: Ambulant-Operationen schreiben rote Zahlen, weil die Tarife nicht kostendeckend sind. Spitäler kompensieren durch Quersubventionierung aus dem stationären Bereich. Ohne Tarifanpassung funktioniert Ambulantisierung nicht wirtschaftlich.
Coopetition: Spezialisten teilen statt selbst vorhalten · ab 22:00: Kleine Spitäler können nicht jeden Spezialisten 100% auslasten. Gattiker teilt Spezialisten mit Partnerspitälern: Wirbelsäule mit Balgrist (60% Schaffhausen, komplexe Fälle nach Balgrist), Gefäßchirurgie mit Winterthur ähnlich.
Schweizer Versicherungssystem: Unterschied zu Deutschland und Fehlanreize · ab 33:00: In der Schweiz haben alle – unabhängig vom Einkommen – eine obligatorische Grundversicherung mit regionaler Kopfprämie. Im stationären Bereich zahlen Versicherer 45%, Kanton 55%; ambulant zahlt Versicherer 100%. Diese Aufteilung schafft Fehlanreize.
Brüche im System: Hospital at Home, Psychiatrie-Akutsomatik, fehlende Komplexpauschalen · ab 38:00: Das System ist bis jetzt siloartig organisiert. Neue Modelle wie Hospital at Home, aufsuchende Psychiatrie und sektorenübergreifende Versorgung zeichnen sich ab, sind aber nicht systematisiert und unterfinanziert.
Tarife und Fehlanreize: TARMED, TARDOC, EFAS, AvS · ab 43:00: Die Tariflandschaft ist komplex und ändert sich. TARDOC seit 2026 ist lernendes System, besser als betonierter TARMED. EFAS 2028 soll ambulant und stationär vereinheitlichen. AvS seit 2023 schreibt 18 Eingriffsgruppen ambulant vor – aber die Umsetzung ist kantonal unterschiedlich und trifft regional unterschiedliche Realitäten.
Neubau 2027: Flexibilität, Ambulantisierung und veränderte Arbeitskultur in der Infrastruktur · ab 49:00: Spitalgebäude für Jahrzehnte, Versorgung ändert sich jährlich. Der Neubau Schaffhausen (Spatenstich Juni 2027) setzt auf Flexibilität statt Festbau: fünf fixe Kerne mit Leitungen, drumherum Trockenwände umnutzbar wie mit einem Taschenmesser.
Interprofessionalität und Team-Kultur: Von Hierarchie zu gemeinsamer Verantwortung · ab 43:00: Gattiker beobachtet Generationenwechsel und gesellschaftliche Verschiebungen: Babyboomers und alte Männer-Ärzte-Hierarchien geben Platz an Generation X und Feminisierung der Medizin. Die moderne Flugindustrie ist sein Vergleich: Früher galt der Pilot als Gott, heute ist es teamorientiert – auch in der Krise (Landung auf dem Hudson River, Clint-Eastwood-Film). In Spitälern verschiebt sich das langsamer. Entscheidend sind nicht CEOs, sondern mittlere Kader (Stationsleitungen, Oberärzte, Therapie). Dort muss bidirektionale Kommunikation auf Augenhöhe stattfinden – dass jede Person sagen darf, wenn etwas nicht stimmt, Arzt oder Pflege. Das funktioniert relativ gut in Schaffhausen. Moderne Mitarbeiter haben ein anderes Selbstverständnis, nicht weniger qualitätsorientiert, sondern teamorientierter. Ein Beispiel: Zentrale Eintrittsstation statt vorbelegte Betten – beschleunigt Bettenumsatz, brauchte Vertrauensvorschuss und Überzeugen der Teams, klappte.
Wunsch an die Politik: Weniger Regulierung, mehr Mut zum Unternehmertum und ehrliche Tarifierung · ab 54:00: Gattiker, als Orthiberaler, fordert: Reguliere das Notwendigste, nicht alles. Lass Unternehmertum zu. Mache ehrlich kostendeckende Tarife statt Zwang ohne Finanzierung. Die Politik merkt nicht, dass Regulierung Kosten verursacht.
Ausblick 2030: Silos lösen sich auf, Kooperationen werden Realität, die Nachfrage bleibt hoch · ab 01:05:17: Regionalspitäler 2030 werden durchlässiger, nicht weil Politik es befiehlt, sondern weil Fachkräftemangel (50% Ärzte >55 Jahre) Kooperationen erzwingt. Kein Mangel an Nachfrage, aber Spezialistenmangel und Altern der Bevölkerung.

Wer spricht

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Dr. med. Andreas GattikerGAST

CEO und Spitaldirektor der Spitäler Schaffhausen. Arzt mit viereinhalb Jahren Chirurgieerfahrung, danach tätig bei PricewaterhouseCoopers, Betriebswirtschaftsstudium in Frankreich. Langjähriger Spitalmanager in Wetzikon (Privatisierung eines Zweckverbands) und Obwalden, bevor er Januar 2023 Schaffhausen übernahm. Bekannt für seinen Fokus auf Kulturwandel, Vertrauensmanagement und systemisches Denken im Gesundheitswesen. Führt sein Spital mit flachen Hierarchien (Du-Kultur bis zur Geschäftsleitung). Mit 65 Jahren (32 erwerbstätig) offiziell pensioniert.

Alle Auftritte von Dr. med. Andreas Gattiker

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