bto – der Ökonomie-Podcast
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Strom ist (und bleibt) zu teuer

8. Juli 2026 · 56 Min.

Strompreise werden in Deutschland dauerhaft nicht auf das Niveau der 2010er-Jahre sinken und bleiben ein fundamentales Wettbewerbsproblem für die deutsche Industrie, da die Merit-Order-Preisbildung systemisch ist und nur durch massiven Ausbau erneuerbarer Energien gelöst werden kann.

Daniel Stelter diskutiert mit Energiemarktexperte Prof. Lion Hirth, warum deutsche Strompreise dauerhaft hoch bleiben. Das Gespräch wurde vor fast drei Jahren geführt, hat sich aber als prophetisch erwiesen: Statt zu sinken, sind die Preise weiter gestiegen. Hirth erklärt die Funktionsweise der Merit-Order, die CO2-Kosten und warum ein Industriestrompreis wirtschaftlich kaum Sinn macht. Die zentrale Botschaft lautet, dass schnellerer Ausbau von Wind- und Solarenergie sowie Netzausbau die einzigen echten Hebel zur Kostensenkung sind.

Zahlen & Fakten

50 %

Gaspreise liegen etwa 50 Prozent über inflationsbereinigten Niveaus der 2010er-Jahre

90 %

Netzentgelt-Rabatt für Industriekunden bei gleichmäßigem Stromverbrauch; bestrafen flexible Lastverschiebung

132 Euro/MWh

Terminmarktpreis für Strom in Deutschland für Lieferung im nächsten Jahr (entspricht etwa 13 Cent pro kWh)

Weitere 7 Zahlen & Fakten anzeigen

130–140 Euro/MWh

Vergleichbarer Preis in Frankreich; zeigt ähnliches Preisniveau trotz höherer Atomkraft-Quote

110 Euro/MWh

Erwarteter Strompreis für 2026 laut aktuellem Terminmarkt (11 Cent pro kWh)

40–60 Euro/MWh

Produktionskosten für Wind- und Solarstrom inklusive Investitionen (4–6 Cent pro kWh); deutlich unter aktuellen Börsenpreisen

120–150 Euro/MWh

Stromgestehungskosten für neue europäische Atomkraftwerke (EPR, Hinkley Point); bis zu dreifach teurer als Windenergie

80–100 Euro

Aktueller CO2-Zertifikatspreis; war in 2010er Jahren nur einstellig und treibt Strompreise deutlich mit nach oben

18–27 Gigawatt

Geschätzte notwendige Neubaukapazität von Gaskraftwerken in Deutschland in den nächsten zehn Jahren

15–18 Gigawatt

Durchschnittliche Import-Export-Kapazität im europäischen Stromverbund; zeigt hohe Vernetzung und Austausch

Diese Folge steckt voller Zahlen – neugierig?

Themen & Erkenntnisse

Strommarkt und Merit-Order-Funktionsweise · ab 14:32: Die Merit-Order ist ein physikalisches Marktgesetz, bei dem der teuerste verfügbare Grenzanbieter den Strompreis setzt. Dies ist nicht zu reformieren, sondern systemisch.
Strompreisniveaus und Ursachen der Teuerung · ab 15:39: Strompreise sind seit den 2010er-Jahren etwa doppelt so hoch (inflationsbereinigt) wegen höherer CO2-Preise und teurerem Gas. Frankreich zahlt ähnlich viel wie Deutschland.
Windausbau und Backup-Kraftwerke als Lösungshebel · ab 29:40: Schnellerer Windausbau ist der entscheidende Hebel zur Preissenkung. Backup-Kraftwerke müssen über Kapazitätsmärkte finanziert werden, reduzieren sich aber mit mehr erneuerbaren Energien.
Atomkraft und Small Modular Reactors: wirtschaftliche Realität · ab 48:44: Neue Atomkraftwerke in Europa kosten 120–150 Euro/MWh – das Dreifache von Wind und Solar. Small Modular Reactors sind Zukunftsmusik ohne bewiesene Wirtschaftlichkeit.
Industriestrompreis und Netzentgelt-Probleme · ab 08:54: Ein dauerhaft subventionierter Industriestrompreis ist nicht der Lösungsweg; sinnvoller ist, Unternehmen befähigen, flexible Stromnutzung wirtschaftlich zu machen statt sie zu bestrafen.
Europäischer Strommarkt und Import-Export-Dynamik · ab 32:54: Die Aussage, Deutschland verschenke Strom ins Ausland und zahle dann teuer nach, ist empirischer Unfug. Europäische Märkte funktionieren als dynamischer Ausgleich.

Quellen

StudieNature Energy (Publikationsorgan, in dem Prof. Hirth regelmäßig veröffentlicht)

StudieEnergy Economics (Fachzeitschrift, in der Prof. Hirth publiziert)

StudieThe Energy Journal (Fachzeitschrift, in der Prof. Hirth publiziert)

Alle Quellen findest du in der vollständigen Folge

Wer spricht

D
Dr. Daniel StelterHOST

Gründer und Leiter von Beyond the Obvious (BTO), Wirtschaftsanalyst und Autor. Stelter ist ein führender Kommentator zu deutschen Wirtschafts- und Finanzfragen, veröffentlicht regelmäßig Analysen zur Wettbewerbsfähigkeit, Energiepolitik und Konjunktur. Er moderiert den wöchentlichen Ökonomie-Podcast BTO und hat das Buch 'ABSTURZ – So retten wir Deutschland' verfasst.

Alle Auftritte von Dr. Daniel Stelter
P
Prof. Dr. Lion HirthGAST

Professor für Energiepolitik an der Hertie School Berlin und Gründer sowie Direktor der Beratungsfirma NEON. Hirth hat zuvor an der Universität Cambridge, am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung und beim schwedischen Energiekonzern Vattenfall gearbeitet. Er war Mitglied der Expertenkommission Gas und Wärme der Bundesregierung und publiziert regelmäßig in Nature Energy, Energy Economics und The Energy Journal zu Strommarktdesign und Energiewirtschaft.

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