Politik mit Anne Will
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Politik mit Anne Will

Müssen wir Pflege ganz neu denken? Mit Christine Vogler

29. Mai 2026 · 1 Std. 15 Min.

Die deutsche Pflege braucht eine grundlegende Strukturreform, nicht nur Sparmaßnahmen – Pflegefachpersonen müssen erweiterte Kompetenzen erhalten, Prävention muss Vorrang haben, und die Gesellschaft muss sich ihrer Verantwortung bewusst werden.

Die Folge behandelt die anstehende Pflegereform in Deutschland vor dem Hintergrund eines drohenden Defizits von 17,3 Milliarden Euro in der Pflegeversicherung bis 2030. Die Gesprächspartnerin Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats und langjährige Pflegefachfrau, kritisiert, dass die Reformdiskussionen zu sehr auf Kosteneinsparungen fokussieren, statt die Professionalisierung der Pflege voranzutreiben. Sie plädiert für ein Primärversorgungssystem, in dem Pflegefachpersonen und Therapieberufe gleichberechtigt mit Ärztinnen und Ärzten tätig sind. Eine zentrale Forderung ist die präventive Ausrichtung des Gesundheitssystems, um Pflegebedürftigkeit von vornherein zu vermeiden oder zu verzögern. Die Diskussion zeigt: Es geht nicht nur um Finanzen, sondern um die Neubewertung von Pflege als Schlüssel zu einer würdevollen Alterung der Bevölkerung.

Zahlen & Fakten

6 Millionen

Menschen, die derzeit in Deutschland pflegebedürftig sind und Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen (Stand Dezember 2025).

17,3 Milliarden Euro

Geschätztes Defizit der gesetzlichen Pflegeversicherung bis 2030 bei unveränderter Politik.

7,6 bis 10 Millionen

Vorausberechnete Anzahl Pflegebedürftiger bis 2055 (Statistisches Bundesamt rechnet mit 7,6 Millionen, Vogler und der Pflegerat gehen von bis zu 10 Millionen aus).

Weitere 10 Zahlen & Fakten anzeigen

3,6 Prozent

Beitragssatz zur Pflegeversicherung seit Januar 2025 (von 3,4 Prozent erhöht); für Kinderlose 4,2 Prozent.

30 Prozent

Abbruchquote in der Pflegefachausbildung (innerhalb der normalen Bandbreite anderer Ausbildungen von 25–30 Prozent).

40–50 Prozent

Anteil der Pflegebedürftigen in vollstationären Einrichtungen, die in die Sozialhilfe (Hilfe zur Pflege) fallen, weil die Eigenanteile nicht zu stemmen sind.

1 Prozent

Arbeitsmarktreserve in Pflegeberufen bis 2027 (Halbierung von 2,0 % in 2025) – praktisch Vollbeschäftigung.

191.000 bis 200.000

Zusätzliche Pflegekräfte, die bis 2040 benötigt werden, um die wachsende Pflegebedürftigkeit zu decken.

8

Hauptamtliche Mitarbeiter des Deutschen Pflegerats auf Bundesebene (seit 2021 von Lauterbach erstmals gefördert; ab 2028 droht Rückfall auf null).

56.000

Auszubildende, die 2024 eine Pflegeausbildung begannen – Rekordmenge nach Einführung der generalistischen Ausbildung 2020.

131 Euro

Monatlicher Entlastungsbetrag im Pflegegrad 1, den der Sachverständigenrat abschaffen möchte.

3.000+ Euro

Durchschnittlicher monatlicher Eigenanteil für einen Heimplatz (die genaue Zahl ist im Transkript nicht genannt, aber über 3.000 Euro wird erwähnt).

100.000 Euro

Vermögensgrenze: Laut Sachverständigenrat haben mehr als ein Viertel derer, die Pflegeleistungen beziehen, kurz vor der Pflegebedürftigkeit ein Vermögen von mehr als 100.000 Euro.

Themen & Erkenntnisse

Die finanzielle Notlage und politische Lähmung der Pflegereform · ab 03:02: Das deutsche Pflegeversicherungssystem droht bis 2030 ein Defizit von 17,3 Milliarden Euro zu erreichen. Die Bundesregierung ringen um einen Gesetzentwurf, der immer wieder verschoben wird. Die Reformvorschläge – von Entlastungsleistungen bis Eigenanteilen – treffen auf Widerstand zwischen CDU und SPD.
Pflegefachpersonen brauchen Handlungskompetenzen und politisches Mitspracherecht · ab 07:05: Vogler kritisiert, dass Pflegefachpersonen bei Reformdiskussionen nicht gehört werden. Der Pflegerat hat nur 8 hauptamtliche Mitarbeiter – während Ärzte, Krankenkassen und Krankenhäuser gut ausgestattete Lobbyisten haben. Pflegekräfte müssen selbstständig arbeiten dürfen: Wundenversorgung ohne Arzt, Einstufung von Pflegegraden selbst durchführen.
Prävention und Gesundheitskompetenz statt nur Krankheitsfinanzierung · ab 18:49: Deutschland bezahlt Krankheit, nicht Gesundheit. Schulgesundheitspflege, frühe Demenzprävention, Bewegungsförderung – all das könnte Pflegebedürftigkeit verhindern. Statt punktueller Reformen braucht es einen präventiven Systemwechsel, der Menschen befähigt, selbstständig älter zu werden.
Attraktivität und Realität des Pflegeberufs: Ausbildung, Personalmangel und Mangelverwaltung · ab 56:00: Die Pflegefachausbildung ist beliebt – 56.000 junge Menschen begannen 2024 eine Ausbildung. Aber noch immer fehlen bis 2040 mehr als 190.000 Pflegekräfte. Der Beruf ist attraktiv, doch die Mangelverwaltung in der Praxis – zu wenig Zeit, weggelassene Leistungen – führt zu frühen Kündigungen, besonders unter jungen Pflegenden.

Quellen

StudieSachverständigenrat Wirtschaft: Frühjahrsgutachten 2024

RechtBefugniserweiterungsgesetz (Pflege)

StudieYvon Chouinard und Christian Ochsner: Studien zum Gesamtsozialversicherungsbeitragssatz (zitiert von Achim Truger)

Weitere 2 Quellen anzeigen

StudieInstitut der deutschen Wirtschaft: Studie zum Gesamtsozialversicherungsbeitragssatz

ArtikelDie Zeit: Artikel über Abrechnungsbetrug in der Pflege (aktuelle Ausgabe, erwähnt in der Episode)

Wer spricht

A
Anne WillHOST

Anne Will: Moderatorin und Gastgeberin des Podcasts Politik mit Anne Will. In der Folge führt sie durch das Thema, stellt Fragen zur aktuellen Gesetzeslage und zum Versorgungsdruck in der Psychotherapie, bezieht Hörerzuschriften ein und moderiert das Gespräch mit der eingeladenen Expertin, um Sachverhalte und politische Folgewirkungen verständlich zu machen.

Alle Auftritte von Anne Will
C
Christine VoglerGAST

Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Geschäftsführerin des Berliner Bildungscampus (Träger Vivantes und Charité) mit 2.600 Auszubildenden, langjährige Pflegefachfrau und Pflegepädagogin

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